
Nach dem großen Erfolg unserer Veranstaltung „Corona, Ukraine, Inflation und Lieferengpässe – wie sind die Aussichten für die Bauwirtschaft?“ im April 2022 haben wir am 18. November 2022 das Veranstaltungsformat unter dem Titel „Zukunftsdialog Bau“ fortgesetzt. Diesmal nahmen rund 50 Personen an der zweistündigen Online-Veranstaltung teil.
Dr. Christoph Schetter von der Kammerdiener Peegut Gruppe begrüßte die Teilnehmenden und schilderte die aktuelle Lage der Branche aus Sicht eines Bauunternehmers. Dabei ging er nicht nur auf die Herausforderungen ein, die sich aus noch nie dagewesenen Steigerungen bei Material- und Energiepreisen sowie explodierenden Zinsen ergeben, sondern auch auf die grundlegenden Probleme in der Zusammenarbeit aller am Bau Beteiligten.
Eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit sei wichtig und wünschenswert für den Projekterfolg, dabei treffe man in der Realität immer häufiger – gerade auch bei den öffentlichen Auftraggebern – auf Misstrauen, Ignoranz und Missgunst. Die Qualität von Partnerschaften zeige sich besonders in schwierigen Zeiten. Die Bauwirtschaft ist leistungsfähig und steht bereit und ist an einer guten und langfristigen Zusammenarbeit interessiert, so sein Appell.
Im Anschluss griff Markus Geiser, Abteilungsleiter Betriebswirtschaft im VbU Hessen, die aktuelle Konjunkturlage auf. Im ersten Teil seines einleitenden Vortrags ging er auf die Erzeugerpreisindizes des Statistischen Bundesamtes ein. Die Entwicklung zeigt, dass seit den Sommermonaten 2022 die Preise für Bitumen, Betonstahl, Dämmstoffe, sowie bei vielen anderen Stoffen zurückgehen, aber immer noch auf einem sehr hohen Niveau sind. Die zentrale Frage hierbei ist, ob damit die höchsten Preise hinter uns liegen? Große Einigkeit besteht bei den Marktteilnehmern offensichtlich darin, dass das Ausgangsniveau aus dem Jahr 2019 vermutlich nicht mehr erreicht werden wird.
Im zweiten Teil seines Kurzvortrages präsentierte er vorab erste Ergebnisse aus der gemeinsam mit dem ZDB durchgeführten Herbst-Konjunkturumfrage für Hessen.
Für die dann folgenden Hauptvorträge konnten Dr. Philipp Mesenburg, Hauptabteilungsleiter Recht im ZDB und Stefan Jökel, Geschäftsführer und Gesellschafter der Jökel Bau GmbH & Co. KG, Schlüchtern, gewonnen werden.
Herr Dr. Mesenburg stellte die Integrierte Projektabwicklung (IPA) vor und ging auf die aktuellen Entwicklungen zur Stoffpreisgleitung ein.
Mit einer IPA sollen insbesondere Kosten- und Terminüberschreitungen bei großen und komplexen Bauprojekten vermieden werden. Die Ursachen dieser Überschreitungen liegen häufig darin begründet, dass die Planung gänzlich ohne das Know-how der Bauausführenden erfolgt, Partikularinteressen zahlreicher Vertragspartner vor einem gemeinsamen Projektziel stehen und insgesamt eine fehlende Kooperation zu beobachten ist.
So unterschiedlich eine IPA ausgestaltet sein kann, gemein ist allen Modellen:
- Kooperation durch Respekt, Vertrauen, Risiko-/Gewinnteilung
- Mehrparteienvertrag zwischen AG, Planern, Schlüsselgewerken Ausführung
- Auftragsvergabe nach Qualifikation – nicht nach Preis
- Gemeinsame Planung im Team
- Gemeinsames Risikomanagement
- Kündigungsmöglichkeit AG nach Planungsphase
- Gemeinsame Entscheidungen: Maßgabe „best for project“
- Kooperative Steuerung (Lean Construction)
- Haftungsverzicht /-beschränkung
- Konfliktmanagement
- Besonderes Vergütungssystem (Selbstkostenerstattung, „open books“, Beteiligung aller Partner an Mehr-/Minderkosten („pain-gain-share“)
IPA-Pilotprojekte sind beispielsweise das Kongresshotel Hafencity in Hamburg und der Neubau des Paul-Ehrlich-Instituts in Gießen.
Unter der Überschrift „Digitalisierung und der Weg zu Green BIM im Hause Jökel Bau“ motivierte Stefan Jökel die Teilnehmenden zur Digitalisierung – nicht um seiner Selbstwillen, sondern zur Verbesserung der Abläufe im Betrieb und auf den Baustellen und zur Steigerung der Effizienz und Produktivität.
Herr Jökel sieht in der Baustellenlogistik die größten Potenziale, die es in der Branche zu heben gilt, weg von Zetteln und Excel-Tabellen, hin zu einer Plattform für alles. Zur Umsetzung dieser Strategie wurde das Startup tabya gegründet und zunächst die Fokussierung auf Betriebsmittel gelegt. Ziel ist es, das Daten in Echtzeit zur Verfügung stehen und alles nur einmal erfasst werden muss.
Die bisherige Umsetzung hat bei Jökel Bau Einsparungen der Logistikzeiten um 60 % und eine Flächenreduktion um 40 % bewirkt. Zudem konnten ca. 20 % der Kleingeräte eingespart werden. „Hier fängt Ökologie und Nachhaltigkeit an“, so Stefan Jökel und weiter: „Unsere Mitarbeiter auf den Baustellen erhalten keine defekten Geräte mehr. Wir erhöhen damit die Kundenzufriedenheit wie auch die Mitarbeiterzufriedenheit deutlich.“
Abschließend berichtete Herr Jökel über die Aktivitäten seines Hauses in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit: Das Unternehmen ist u.a. engagiert in der Initiative Klimapakt für Schlüchtern. Hierbei wird der jährliche CO2-Fußabdruck ermittelt. Durch die entsprechende Aufforstung eines Zukunftswaldes stuft sich das Unternehmen bereits heute als CO2-neutral ein.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Referenten und Teilnehmenden. Über die positiven Rückmeldungen im Nachgang der Veranstaltung, wie beispielsweise von Frau Prof. Dr.-Ing. Katja Silbe, THM Gießen, „Vielen Dank für die Ausrichtung und spannende Gestaltung der Veranstaltung. Die Themen waren aktuell, motivierend und auch inspirierend“, haben wir uns sehr gefreut.
Wenn Sie Wünsche und Anregungen zu zukünftigen Themen und Referenten haben, wenden Sie sich bitte an Markus Geiser, Telefon 069 9 58 09 -170, geiser@bgvht.de. Gern können Sie den Zukunftsdialog Bau durch Praxisbeispiele aus Ihrem Unternehmen bereichern. Wir würden uns sehr freuen.
Ihr Ansprechpartner
Betriebswirtschaft
Telefon: 069 / 958 09-170
E-Mail: geiser@bgvht.de
